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Samstag, 2. Mai 2026

[Gedankengänge] Meine Antibibliothek – und warum sie mich inzwischen entspannt

Meine Antibibliothek – und warum sie mich inzwischen entspannt

Mein SuB ist in erstaunlich kurzer Zeit auf über hundert Bücher angewachsen. Manchmal frage ich mich, wie das eigentlich passieren konnte. Vielleicht liegt es daran, dass in den letzten zehn Jahren so viele Bücher an mir vorbeigegangen sind, die ich jetzt nachholen möchte. Vielleicht auch daran, dass ständig neue Titel erscheinen, die mich neugierig machen. Und dann gibt es noch die Bücher, die ich früher einmal besessen habe und nun wieder in meinem Regal haben möchte, um sie irgendwann erneut zu lesen.

Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr als fünfzig ungelesene Bücher zu besitzen. Das klang vernünftig und machbar. Doch mit der Zeit wurde dieser Vorsatz immer unrealistischer, und mit jedem neuen Buch wuchs auch mein schlechtes Gewissen. Irgendwann reichte der Platz nicht mehr aus, und ich kaufte zwei neue Regale, die sich genauso schnell füllten wie das alte. Gleichzeitig wurde ich unsicherer. Bei jedem Buchkauf stellte ich mir dieselbe Frage: Soll ich es wirklich kaufen? Oder soll ich es lieber lassen? Es fühlte sich an, als müsste ich mich für meine eigene Begeisterung rechtfertigen.

Dann stieß ich zufällig auf "Der schwarze Schwan" von Nassim Nicholas Taleb. Darin erwähnt er Umberto Ecos riesige Privatbibliothek und den Begriff der Antibibliothek. Das hat sofort etwas in mir ausgelöst. Ich begann zu recherchieren, sah mir den Trailer zur Dokumentation „UMBERTO ECO – Eine Bibliothek der Welt“ an und war ehrlich beeindruckt. Der Film zeigt meterhohe Regale voller Bücher – über 30.000 zeitgenössische Werke und zusätzlich rund 1.500 antike und seltene Ausgaben. Die Dokumentation öffnet ein Fenster in Ecos privaten Kosmos und macht sichtbar, wie viel Wissen, Geschichte und Neugier in dieser Sammlung steckt.

„Der wirkliche Liebhaber von Büchern muss sie gar nicht alle gelesen haben. Wichtig ist, dass man weiß: Es gibt dieses oder jenes Buch und man hat es zur Verfügung – für die Zukunft.“ ~ Umberto Eco

Dieser Gedanke hat meinen Blick auf meinen SuB komplett verschoben. Er nimmt den Druck aus dem Lesen und gibt der Neugier ihren Platz zurück. Eco verstand seine Bibliothek nicht als Liste von Aufgaben, sondern als Sammlung von Möglichkeiten. Als Ort, an dem Geschichten und Ideen warten dürfen, ohne dass man sich verpflichtet fühlen muss, sie sofort zu lesen.

Ich mag den Gedanken, jederzeit die unterschiedlichsten Genres parat zu haben, mich spontan von einem Thema zum nächsten treiben zu lassen, ohne mich einschränken zu müssen. Genau darin fühle ich mich Umberto Eco sehr nah. Er erweiterte seine Bibliothek sein Leben lang, obwohl er wusste, dass er niemals alles lesen würde. Er tat es trotzdem – aus Liebe zu den Büchern, nicht aus Pflichtgefühl. Diese Haltung hat mir gezeigt, dass ein wachsender SuB nichts Bedrohliches ist, sondern ein Zeichen von Offenheit und Neugier.

Und ja – vielleicht benutze ich den Begriff der Antibibliothek inzwischen auch ein bisschen als Ausrede, um mir weitere Bücher zu kaufen. Wahrscheinlich sogar. Aber wenigstens habe ich dabei kein schlechtes Gewissen mehr. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass all diese fremden Welten darauf warten, von mir entdeckt zu werden, und all die Figuren in den Büchern darauf hoffen, dass ich irgendwann ihre Geschichte lese und mit ihnen gemeinsam erlebe, was der Autor für sie vorgesehen hat.

Es hat etwas Beruhigendes, in einem Zuhause voller Bücher zu leben. Etwas Unaufgeregtes, das trotzdem Wärme ausstrahlt. Besonders meine mittlere Tochter freut sich über jedes neue Buch, das bei uns einzieht. Sie betrachtet sie wie kleine Schätze und fragt schon jetzt, ab wann sie „meine Bücher“ lesen darf. In solchen Momenten merke ich, dass meine Antibibliothek nicht nur für mich da ist. Sie ist auch ein Teil der Welt, in der meine Kinder aufwachsen – eine Welt, in der Geschichten selbstverständlich dazugehören.

Vielleicht ist das der eigentliche Wert einer Antibibliothek: Sie erinnert mich daran, dass Lesen kein Abarbeiten ist, sondern ein Angebot. Dass Bücher nicht weniger wertvoll sind, nur weil sie noch auf ihren Moment warten. Und dass ein wachsender SuB kein Problem ist, sondern ein Zeichen dafür, dass die Neugier noch lebt.

Wie geht ihr mit eurem SuB um – begegnet ihr ihm gelassen oder meldet sich bei euch regelmäßig das schlechte Gewissen und ihr arbeitet bewusst am Abbau?

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