In welcher Buchfigur habt Ihr Euch zuletzt am meisten selbst wiedergefunden?
➤ Zur ausführlichen Rezension von „Pina fällt aus“
Es kommt selten vor, dass ich mich in einer Buchfigur so unmittelbar wiederfinde, dass ich beim Lesen das Gefühl habe, jemand hätte heimlich in meinen Alltag geschaut. Bei „Pina fällt aus“ von Vera Zischke ist genau das passiert. Pina war für mich nicht einfach eine Romanfigur – sie war ein Spiegel. Ein Echo. Eine Stimme, die Dinge ausspricht, die ich selbst oft nur denke.
Schon das Cover hat mich erwischt. Dieser müde, wachsame Blick – ich kenne ihn. Dieses Dazwischen aus Erschöpfung und Entschlossenheit, das man entwickelt, wenn man ein Kind hat, das die Welt anders wahrnimmt und deshalb mehr Begleitung braucht. Noch bevor ich eine einzige Seite gelesen hatte, fühlte ich mich verstanden.
Im Buch ist man sofort mitten in Pinas Alltag, und genau dort habe ich mich wiedergefunden: in den vielen kleinen Handgriffen, den Ritualen, der ständigen Planung, die nötig ist, damit der Tag nicht kippt. In der Art, wie sie vorausdenkt, wie sie Leo schützt, wie sie versucht, Chaos zu verhindern, bevor es entsteht. Das ist mein Leben. Dieses ständige Mitdenken, dieses „Wenn ich jetzt kurz in die Küche gehe, was könnte in der Zwischenzeit passieren?“ – es ist ein Automatismus geworden.
Als Pina Leos Gedankenwelt beschreibt, diesen Vergleich mit dem Automaten, der manchmal hakt, musste ich schlucken. Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne diese Suche nach dem richtigen Mechanismus, der richtigen Reihenfolge, dem richtigen Wort. Viele Szenen haben mich an meine Tochter erinnert: an die Supermarkt‑Momente, in denen man nie wirklich entspannt ist, an die kostbaren Stunden Allein‑Zeit, die man sich erkämpft, an die fehlende Spontanität, die man irgendwann gar nicht mehr vermisst, weil sie so lange kein Teil des Lebens war. Und an die Frage, die wie ein Schatten über allem liegt: Was passiert, wenn ich einmal ausfalle?
Im Buch passiert genau das – Pina fällt aus. Und plötzlich steht die Frage im Raum, die ich selbst so gut kenne: Wer übernimmt dann? Wer versteht die Bedürfnisse? Wer sieht die kleinen Warnzeichen, die man selbst längst intuitiv erkennt? Diese Angst ist real. Sie begleitet mich jeden Tag. Und sie ist einer der Gründe, warum mich dieses Buch so tief getroffen hat.
Pinas Erschöpfung, ihre innere Zerrissenheit, ihr Wunsch, einfach einmal kurz nicht verantwortlich zu sein – all das kenne ich. Gleichzeitig kenne ich auch dieses Gefühl, das sie so stark prägt: die Liebe, die alles trägt. Die Kraft, die man aus sich selbst heraus nicht erklären kann. Die Bereitschaft, weiterzumachen, auch wenn man längst am Limit ist. Und ich kenne auch die Unsichtbarkeit dieser Arbeit. Wie oft Menschen glauben, man übertreibe. Wie oft sie nicht sehen, was hinter den Kulissen passiert. Wie oft man allein dasteht, obwohl man es nicht sollte.
Besonders berührt hat mich Pinas Entwicklung. Ihr Eingeständnis, dass sie es nicht mehr allein schafft. Dass sie auf Leos „drei Vögel“ bauen muss. Dieses Loslassen, dieses Vertrauen – es ist ein Schritt, der Mut braucht. Ein Schritt, den ich selbst immer wieder üben muss. Hilfe anzunehmen ist schwerer, als viele glauben. Aber es ist notwendig.
Auch die Frage nach der Zukunft hat mich tief getroffen: nach Wohnformen, nach Betreuung, nach dem, was passiert, wenn das eigene Kind erwachsen wird und die Welt nicht mehr so nah an der Familie stattfindet. Ich kenne diese Gedanken. Ich kenne die Angst. Ich kenne die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und der Realität eines Systems, das oft nur auf dem Papier inklusiv ist. Vielleicht haben mich Pinas Gedanken deshalb so bewegt: weil sie nichts beschönigen. Weil sie zeigen, wie viel Liebe, Kraft und Organisation im Alltag mit einem behinderten Kind steckt – und wie unsichtbar diese Arbeit für viele bleibt. Weil sie die Erschöpfung thematisieren. Und die Hoffnung auch.
Am Ende bleibt ein Gefühl von Aufbruch. Nicht, weil plötzlich alles gut wäre, sondern weil Veränderung möglich wird. Weil Pina sich selbst wiederfindet – nicht als jemand, der alles allein tragen muss, sondern als Teil eines Netzes, das sie hält.
Und genau da habe ich mich am stärksten wiedergefunden: in dieser Mischung aus Müdigkeit und Mut. Aus Verantwortung und Liebe. Aus Sorge und Hoffnung. In diesem Leben, das anstrengend ist und gleichzeitig voller Momente, die man um nichts in der Welt eintauschen würde.
Pina ist für mich nicht nur eine Romanfigur. Sie ist ein Stück Realität. Ein Spiegel. Und sie hat mich daran erinnert, dass ich nicht allein bin.
Die Rechte an allen verwendeten Coverbildern liegen bei den jeweiligen Verlagen und Rechteinhabern.

Hey Jennifer,
AntwortenLöschendas klingt nach einem intensiven und berührenden Buch, du machst mich sehr neugierig! Sich in einer Buchfigur so wiederzufinden kann ganz schön aufwühlend, aber auch heilsam sein. Ich hoffe, du konntest aus dem Buch ganz viel Positives für dich mitnehmen.
Liebe Grüße
Sophia
Hallo Sophia,
LöschenDas Buch war für mich auf jeden Fall ein intensives Leseerlebnis. Und ich hoffe sehr, dass ich noch mehr Geschichten finde, die in eine ähnliche Richtung gehen – Bücher, die das Thema Behinderung und Care-Arbeit nicht nur streifen, sondern wirklich ins Zentrum rücken. Es wäre schön, wenn solche Perspektiven noch viel stärker ins Blickfeld rücken würden.
Liebe Grüße,
Jennifer
Hallo Jennifer,
AntwortenLöschendas klingt nach einem ehrlichen Buch, das schonungslos erzählt und dadurch aber erkennen lassen kann, was du beschreibst: nicht alleine zu sein.
So ähnlich ergeht es mir mit Baek Se-hees Buch I want to die but I want to eat Tteobokki.
Eigentlich ist da keine Figur in dem Sinne, da sie ja von sich erzählt.
Aber dennoch– es gab viele Aussagen, wo ich mich sofort wiedererkannt habe und manchmal ist allein das schon ein Trost und hilfreich.
Es scheint fast so als dürfe man nie erschöpft sein oder nicht mehr können (warum auch imner), fast so als bräuchte es eine Validierung Dritter.
Als würde es nicht reichen wenn man sagt: ich bin erschöpft, nein, es wird von anderen oder seiner eigenen strengen Stimme torpediert und kritisiert, was schlimm ist.
Ich wünsche dir weiterhin dass schöne Momente in den schweren Momenten unterstützen und was ich wirklich weiß ist, dass man so viel stärker ist als man denkt.
Liebe Grüße,
Silver:)
Hallo Silver,
LöschenGanz lieben Dank für deinen Kommentar.
Was ich immer besonders schlimm finde, sind diese Sprüche von Außenstehenden. Sobald man als Mutter sagt, dass man an seine Grenzen kommt oder erschöpft ist, kommen sofort Sätze wie: „Du hast es dir doch ausgesucht!“, „Millionen Frauen vor dir haben es auch geschafft!“, „So schlimm wird’s schon nicht sein!“
Als würde man in dem Moment, in dem man Mutter wird, aufhören, ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen zu sein. Für viele zählt dann nur noch, dass man funktioniert.
Und das betrifft nicht nur Mütter von Kindern mit Behinderung – das zieht sich durch die gesamte gesellschaftliche Erwartung an Frauen.
Ich sehe das bei meinen Schwiegereltern so deutlich. Meine Schwiegermutter putzt abends oft bis 22 Uhr, damit ja nichts herumsteht, weil mein Schwiegervater sonst blöde Sprüche kassiert, wenn männlicher Besuch kommt und sie mal auf dem Sofa sitzt. Wenn er hingegen einen Mittagsschlaf auf der Ofenbank macht, sagt niemand etwas – schließlich „arbeitet er ja so hart“.
Diese Doppelmoral ist so tief verankert, dass viele sie gar nicht mehr hinterfragen.
Deshalb tut es einfach gut, ab und zu ein Buch zu finden, in dem man sich selbst wiedererkennt und sich wirklich gesehen fühlt.
Liebe Grüße,
Jennifer
Uff,genau den Spruch hatte ich im Kopf, 'du hast es dir ja ausgesucht'– der ist so mies weil er einen festnagelt und alle Verantwortung und besonders Schuld auf dich zurückwirft und sich dadurch halt nicht weiter um die Problematik gekümmert werden muss.
LöschenIst ja auch toll, der Mann kassiert weil seine Frau nicht richtig putzt– wohnt er nicht auch da? Ist sie seine Putzfrau? Hat er allein Anspruch auf die Couch bei Besuch? Schlimm.
Habe aber so Sprüche auch schon gehört, leider von meinem Vater, kommt, fläzt sich und macht erstmal ungefragt den Fernseher an um dann zu meckern, was für eine 'Hausfrau' ich denn wäre..äh, keine? Schwierige Persönlichkeit, ich wünschte ich wäre viel öfter mal laut geworden. Anderswo, wo es wesentlich und sichtbar schlimmer ist, sagt er nie einen Ton. Vielmehr hat mich dieser Doppelstandard gestört, mir kann man immer einen reindrücken, was bei anderen nichtmal wahrgenommen wird..jup, Doppelmoral ist ätzend. Wenn Eltern dir ne Retourkutsche für ein Geschwist verpassen ist das auch ganz weird.
Auch wirklich noch nie Verständnis für irgendwas bekommen zu haben, sondern nur Kritik ist auch belastend.
Tut mir echt leid, dass muss dann mit einem Kind, welches besonders Fürsorge braucht oder wo vielleicht auch die Sorgen um später größer sind (wenn es z.B. nicht vollständig alleine leben kann, Pflege oder Betreuung benötigt oä) wo man immer funktionieren muss, was man selbstverständlich nicht immer und dauerhaft kann..Und dann so Sprüche. Aber deine Eltern helfen?
Ich wünsche dir echt Nerven, bei sowas würde ich explodieren.
Liebe Grüße!
Hallo Silver,
LöschenMeine Schwiegereltern sind da etwas speziell 😅
Meine eigene Familie lebt 400 km entfernt, weil ich vor 15 Jahren nach Österreich gezogen bin. Mein Stiefvater ist übrigens ganz ähnlich wie dein Vater – selbst keinen Finger rühren, aber Erwartungen haben.
Man lernt irgendwie damit zu leben, trotzdem ist es schwer zu sehen, dass sie auf die beiden größeren Geschwisterkinder aufgepasst haben und jetzt auch auf den einjährigen Neffen schauen, während meine Tochter ständig außen vor bleibt. Dabei wohnen wir Haus an Haus, sie müssten nur die Treppe hochkommen. Oben ist alles kindersicher, mit Spielmaterial und allem, was sie braucht – aber selbst das ist nicht machbar.
Das erinnert mich sehr an Pinas Vater im Buch, der es ja nicht einmal schafft, ein gemeinsames Weihnachtsfest mit Pina und Leo hinzubekommen.
Im September wird es für mich zum Glück leichter: Dann geht meine Tochter von 07:30 bis 12:00 Uhr in die Schule und wird mit dem Schulbus gebracht und wieder heimgebracht. Das wird eine große Entlastung für mich.
Liebe Grüße,
Jennifer
Hallo Jennifer,
AntwortenLöschenich musste bei dieser Frage wirklich ein wenig nachdenken. Spontan ist mir kein passender Titel eingefallen. Das muss aber nicht heißen, dass es ihn nicht gegeben hat.
Ich habe deine Antwort auf die Frage aber mit großem Interesse gelesen. Das klingt nach einem Buch, das eine sehr intensive Charakterstudie aufweist. Eine Geschichte, die extrem neugierig macht. Ich denke auch, dass sich viele LeserInnen in dieser Gedankenspirale wiederfinden werden.
Ich denke, solche Bücher, in denen man sich verstanden fühlt, in denen man Charaktere begleitet, die einem aus der Seele sprechen, das sind die, die einem auch am Längsten im Sinn bleiben.Solche Bücher können einem ggf. auch helfen.
Du schreibst, dass dir dieses Buch gezeigt hat, dass du nicht alleine bist. Das bist du definitiv nicht.
Ich freue mich wirklich sehr, dass dieses Buch und du zueinandergefunden habt.
Ganz liebe Grüße
Tanja
Liebe Tanja,
LöschenManchmal hat man einfach Glück und trifft genau das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt.
Für mich war es vor allem hilfreich, das Thema „um Hilfe bitten“ endlich bewusster anzugehen – da hat mir das Buch wirklich einen kleinen Schubs gegeben.
Liebe Grüße,
Jennifer