Es gibt diese kleinen Zwischenräume im Alltag, die man nur dann bemerkt, wenn man sie bewusst füllt. Für mich ist das die Wartezeit an der Bushaltestelle, nachdem ich meine Tochter morgens mit dem Regionalbus in den Kindergarten gebracht habe. Der Moment, in dem ich auf der Bank sitze und ein paar Minuten nur für mich habe. Diese Minuten gehören einem Buch.
Letzte Woche hatte ich "Summer Storms" von Sarah MacLean dabei, weil ich gerade an einer Leserunde teilnehme. Ich saß da, das Buch aufgeschlagen, Post‑it‑Streifen griffbereit, wie ich es immer mache, wenn ich Stellen markieren möchte, die später in der Diskussion wichtig werden. Für mich ist das kein Aufwand, sondern ein Teil des Lesens: dieses genaue Hinsehen, dieses Festhalten von Gedanken, diese kleine Interaktion zwischen mir und dem Text.
Ein Mann setzte sich neben mich und beobachtete mich eine Weile. Irgendwann sprach er mich an – erst vorsichtig, dann neugierig. Er war sichtlich erstaunt, dass ich „so ein dickes Buch“ lese und mich so intensiv damit beschäftige. Ich musste lächeln, weil 496 Seiten für mich nicht außergewöhnlich sind. Aber er meinte es ernst. Und dann erzählte er mir, warum er so überrascht war.
Er benutzt KI zum Lesen.
Zuerst dachte ich, er meint Vorlesen – vielleicht schlechte Augen, vielleicht eine Leseschwäche. Aber nein. Er meinte Zusammenfassungen. Er gibt Autor:in oder Titel ein und bekommt von einem KI‑Book‑Summary‑Tool eine kurze Inhaltsangabe. Das war’s. Das ist für ihn „ein Buch lesen“.
Ich glaube, man konnte mir die Verwirrung ansehen. Nicht, weil ich jemandem das Lesen vorschreiben möchte, sondern weil mich diese Haltung so ratlos macht. Diese Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen inzwischen glauben, eine Zusammenfassung sei gleichwertig mit dem eigentlichen Werk. Als wäre ein Buch nur seine Handlung und als wären Sprache, Atmosphäre und die Emotionen beim Lesen verzichtbar. Lesen wird als lästiger Umweg empfunden.
Und genau da beginnt mein Problem mit diesen KI‑Book‑Summary‑Tools. Sie sind nicht nur ungenau, fehleranfällig und oberflächlich – sie verändern auch die Art, wie Menschen über Bücher denken. Sie fördern eine Bequemlichkeit, die irgendwann in Gleichgültigkeit umschlägt.
Als ich mich näher mit dem Thema befasst habe, wurde mir bewusst, wie viele Menschen sich mit diesen Zusammenfassungen zufriedengeben und dann glauben, sie hätten „genug“ vom Buch mitgenommen. Für mich fühlt sich das an, als würde man nur die Überschrift eines Gesprächs kennen, aber nicht das Gespräch selbst.
Man verliert den Zugang zu den Zwischentönen eines Buches, zu den Momenten, die einen überraschen, irritieren oder berühren. Und irgendwann verliert man vielleicht auch die Geduld dafür – nicht, weil man es nicht könnte, sondern weil man sich daran gewöhnt hat, dass alles schnell gehen muss.
Autor:innen schreiben keine Stichpunkte. Sie schreiben Geschichten, Stimmen, Gefühle, Atmosphären. Wenn ihre Arbeit auf ein paar Sätze reduziert wird, bleibt davon kaum etwas übrig.
Und ehrlich gesagt finde ich es respektlos, ein Buch auf diese Weise zu „verbrauchen“, ohne sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Da sitzt ein Mensch und arbeitet teilweise jahrelang an einem Buch, erlebt Höhen und Tiefen, die das Schreiben beeinflussen und vielleicht sogar in die Geschichte einfließen – und dann wird daraus eine Zusammenfassung gemacht.
Verlage investieren Ressourcen und Herzblut in die Veröffentlichung der Bücher. Wenn aber immer mehr Menschen nur noch Zusammenfassungen lesen, trifft das am Ende auch die, die Bücher überhaupt erst möglich machen. Und ich frage mich, wie lange dieses System stabil bleibt, wenn die eigentlichen Bücher immer weniger gelesen werden.
Klar gibt es derzeit einen Bücher‑Boom durch Farbschnitte, Spezialausgaben und den Social‑Media‑Hype, aber irgendwann wird sich dieser Trend vielleicht auch wieder ändern.
Für mich hat Lesen noch einmal eine andere Bedeutung. Es ermöglicht mir wertvolle Stunden mit meinen Kindern – vorlesen, die ersten holprigen Leseversuche, Kuschelstunden und bewusst Zeit füreinander nehmen.
Ich wollte meinen Kindern von Anfang an zeigen, dass Lesen etwas Wertvolles ist. Klar führt das nicht zwangsläufig dazu, dass aus meinen Kindern solche Leseratten wie ich werden. Mein ältester Sohn liest nur, wenn es um Minecraft geht, und meine jüngste Tochter mit Behinderung zerreißt Bücher lieber, weil sie das Geräusch mag und wie sich die gerollten Fetzen zwischen ihren Fingern anfühlen. Lediglich meine mittlere Tochter hat die Liebe zu Büchern übernommen.
Trotzdem möchte ich all meinen Kindern zeigen, dass Lesen etwas ist, das Zeit braucht. Etwas, das man nicht abkürzen kann.
Sie sehen mich mit meinen Büchern, sehen die bunten Post‑its, sehen, wie ich manchmal lache oder die Stirn runzle, wenn mich eine Stelle beschäftigt. Sie sehen, dass Lesen für mich kein Pflichtprogramm ist, sondern etwas, das mir guttut.
Ich weiß, dass die Welt schneller geworden ist. Ich weiß auch, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie müssten überall Zeit sparen. Aber ich glaube nicht, dass man beim Lesen etwas gewinnt, wenn man es abkürzt. Im Gegenteil: Man verliert etwas, das man nicht so leicht zurückbekommt.
Ein Buch ist mehr als seine Handlung. Es ist die Art, wie es erzählt wird. Es sind die kleinen Momente, die man nur bemerkt, wenn man wirklich drin ist. Und genau das kann keine KI zusammenfassen.
Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht bin ich einfach jemand, der Bücher liebt. Aber ich weiß, dass mich kein einziges KI‑Tool jemals so berühren wird wie ein echter Satz, der im richtigen Moment gelesen wird.
Deshalb macht es mich traurig, wenn Menschen glauben, eine Zusammenfassung sei genug – weil ich weiß, was sie verpassen.
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