22 Bahnen
Autorin: Caroline Wahl
Seiten: 208 Seiten
Format: Hardcover
Verlag: DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum: 18.04.2023
ISBN: 978-3-8321-6803-2
Sprache: Deutsch
Genre: Deutsche Literatur / Gegenwartsliteratur / Familienroman
Bewertung:
Bildquelle / Cover: Goodreads / © DuMont Buchverlag / © Coverdesign: Gestaltung - Lübbeke Naumann Thoben, Abbildung - © Eileen Corse / www.eileencorse.com Klappentext: © Caroline Wahl / DuMont Buchverlag
Worum geht's?
Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, an der Supermarktkasse sitzen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern und an schlechten Tagen auch um die Mutter. Zu dritt wohnen sie im traurigsten Haus der Fröhlichstraße in einer Kleinstadt, die Tilda hasst. Ihre Freunde sind längst weg, leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist geblieben. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen, die Verantwortung tragen. Nennenswerte Väter gibt es keine, die Mutter ist alkoholabhängig. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Tilda bekommt eine Promotion in Berlin in Aussicht gestellt, und es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf, der große Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war. Viktor, der genau wie sie immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda schon beinahe glaubt, es könnte alles gut werden, gerät die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle.
„Die Gewissheit, dass ich vieles verlieren kann, einen Vater, eine Mutter, eine normale Kindheit, dass nichts sicher und beständig ist, dass aber Bücher trotz allem bleiben, dass mir niemand diese Geschichten, diese Welten wegnehmen kann, in die ich zu flüchten vermag, beruhigte mich und machte mich unverwundbar.“
Meine Meinung
Es gibt Bücher, die mich nicht durch große Dramen fesseln, sondern durch das Gefühl, jemandem wirklich nahe zu kommen. "22 Bahnen" war für mich genau so ein Roman. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, Tilda zu begleiten – nicht als Beobachterin, sondern als jemand, der versteht, wie viel Kraft es kostet, jeden Tag einfach weiterzumachen.
Tilda studiert Mathematik, arbeitet im Supermarkt und schwimmt jeden Tag ihre 22 Bahnen. Dieses Ritual wirkt wie ihr persönlicher Rettungsring, ein Moment, in dem sie atmen kann, bevor zu Hause wieder alles ins Wanken gerät. Was mich an ihr besonders bewegt hat, ist ihre Art, Verantwortung zu tragen: still, ohne Klage, fast automatisch. Nach außen wirkt sie kontrolliert und pragmatisch, aber zwischen den Zeilen spürt man, wie viel sie schluckt, wie sehr sie sich selbst zurücknimmt, um ihre kleine Schwester Ida zu schützen und den Alltag irgendwie zusammenzuhalten. Tilda ist jemand, der funktioniert, weil sie glaubt, keine andere Wahl zu haben – und genau das macht ihre leisen Zweifel und ihre vorsichtigen Schritte in Richtung eines eigenen Lebens so berührend.
Der Alltag mit ihrer alkoholkranken Mutter wird so eindringlich beschrieben, dass man die Schwere fast selbst mitträgt – die Aussetzer, die Unzuverlässigkeit, die Scham danach und diese kleinen, hilflosen Versuche, alles wieder geradezubiegen. Die Spiegeleier alle zwölf Tage sind ein trauriges, wiederkehrendes Zeichen dafür, dass die Mutter sieht, was sie anrichtet, aber nicht ausbrechen kann.
Ida hat mich besonders berührt. Dieses stille, sensible Mädchen, das sich in Geschichten flüchtet, malt und im Regen schwimmen geht, weil sie dann niemand sieht. Man spürt, wie sehr sie versucht, unsichtbar zu bleiben, um nicht noch mehr Chaos auszulösen. Ihre Verletzlichkeit ist so fein gezeichnet, dass sie lange nachhallt.
Und dann ist da Viktor – eine Figur, die man nicht einfach nebenbei erwähnt. Er ist der ältere Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war. Viktor kommt nur in die Stadt, um das Haus seiner verstorbenen Familie auszuräumen. Er trägt eine Schwere in sich, die man sofort spürt, aber er trägt sie leise. Zwischen ihm und Tilda entsteht etwas, das nicht geplant ist und nicht gesucht wurde – es wächst langsam, fast unmerklich, aus Gesprächen, Blicken und gemeinsamen Momenten, in denen beide merken, dass sie jemanden gefunden haben, der versteht, wie es ist, Verantwortung zu früh übernehmen zu müssen.
Sehr eindrücklich fand ich, wie der Roman zeigt, was es bedeutet, mit Sucht zu leben: immer funktionieren zu müssen, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, viel zu früh erwachsen zu werden. Gleichzeitig erzählt er davon, wie schwer – und wie befreiend – es sein kann, sich aus solchen Mustern zu lösen und wieder auf sich selbst zu achten.
Das Cover von Eileen Corse hat mich sofort angesprochen. Die verschwommene Schwimmerin, kraftvoll und gleichzeitig verletzlich, fängt die Stimmung des Romans perfekt ein. Diese Mischung aus Erschöpfung und Aufbruch, aus Schwere und Bewegung – genau das trägt auch die Geschichte in sich. Es ist eines dieser Cover, die man länger betrachtet, weil es etwas in einem auslöst.
Das offene Ende fühlt sich für mich stimmig an. Es lässt Raum – für Hoffnung, für Unsicherheit, für alles, was noch kommen könnte.
Fazit
"22 Bahnen" ist ein leiser, eindringlicher Roman über Verantwortung, Abhängigkeit und den Mut, sich selbst wieder wichtig zu nehmen. Unaufgeregt, ehrlich und voller Zwischentöne. Ein Buch, das lange im Gedächtnis bleibt.
Wie nimmst du Tildas Art wahr, mit all den Erwartungen und Belastungen umzugehen – wirkt sie auf dich stark, überfordert oder etwas dazwischen?
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