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Dienstag, 31. März 2026

[Gedankengänge] Wie Social Media mein Leseverhalten verändert hat – und warum ich bewusst einen anderen Weg gehe

Rückkehr zum Lesen nach zehn Jahren

Ich habe schon als Kind immer gerne und viel gelesen. Bücher waren für mich selbstverständlich, ein ruhiger Fixpunkt in meinem Alltag, und vor allem waren sie magische Welten, in die ich mich flüchten konnte, wann immer mir danach war. Dann kam eine fast zehnjährige Pause – aus persönlichen Gründen, wegen denen Lesen schlicht keine Priorität mehr hatte. In dieser Zeit habe ich nur noch Bilder- und Kinderbücher für meine eigenen Kinder gekauft und ihnen vorgelesen, aber selbst kaum noch zu einem Buch gegriffen, sobald es über reine Sachliteratur hinausging. Als ich Ende 2024/Anfang 2025 wieder damit begonnen habe, war die Welt des Lesens kaum wiederzuerkennen. Social Media war inzwischen ein fester Bestandteil des Literaturkosmos, und die Menge an Informationen hat mich zu Beginn regelrecht überrollt.


Wie sich der Lesekosmos verändert hat

Früher habe ich einfach das gelesen, was mich interessiert hat. Ich war viel in Bibliotheken, auf Bücherflohmärkten und in Buchhandlungen unterwegs und habe dort meine Entdeckungen gemacht. Lesen galt damals noch als „Streberhobby“, und man traf oft dieselben Menschen, die ebenfalls gerne stöberten. Heute bestimmen Feeds, Trends und Algorithmen, was sichtbar ist. Influencer haben das Lesen hip gemacht, was durchaus schöne Seiten hat: Jüngere Menschen greifen wieder häufiger zu Büchern, physische Ausgaben erleben ein Comeback, Klassiker wie die Brontë-Schwestern oder Reihen wie His Dark Materials tauchen wieder auf und Buchclubs entstehen, in denen gemeinsam gelesen und diskutiert wird.

Gleichzeitig hat diese Entwicklung eine Kehrseite. Der Markt wird regelrecht überschwemmt, und viele Bücher wirken wie Produkte, die vor allem optisch überzeugen sollen. Farbschnitt, aufwendige Cover, Charakterkarten – alles schön anzusehen, aber inhaltlich oft austauschbar. Als ich zurückkam, wurde ich mit Neuerscheinungen, Hypes und „Must Reads“ überschüttet. Es war nicht mehr die ruhige, persönliche Welt, die ich kannte, sondern ein durchgetakteter Strom aus Rankings, Challenges und immer gleichen Empfehlungen. Autor:innen ohne Marketingbudget verschwanden fast vollständig aus dem Sichtfeld.

Die toxische Seite von BookTok

Parallel dazu wurde mir bewusst, wie angespannt und toxisch manche Bereiche der sozialen Medien – besonders BookTok – inzwischen geworden sind. Besonders deutlich wurde das in zwei Videos, die mir in den Feed gespült wurden:
„are booktokers actually reading books anymore??“ von Book Chats with Shelley und
„BOOKTOK eskaliert 📚 WhatsApp-Mobbing, Autismus und der Lese-Wettbewerb??“ von nessadhs .

Beide Videos zeigen sehr klar, wie stark Mobbing, Konkurrenzdenken und Oberflächlichkeit die Szene prägen. Vieles davon konnte ich aus meiner eigenen TikTok‑Zeit bestätigen. Es ging oft weniger um Bücher als um Drama, gegenseitiges Abwerten und darum, wer am lautesten ist. Dass es sogar Creator:innen gibt, die sich gegenseitig melden, um den Erfolg anderer zu sabotieren, macht das Ganze noch absurder. Dazu kommen Videos, in denen offen gesagt wird, dass Bücher „zu viel Text“ hätten oder dass man ganze Passagen überspringt. Spätestens da habe ich mich gefragt, wann Lesen eigentlich zu einem Wettbewerb geworden ist und warum Quantität plötzlich wichtiger schien als Qualität.

Was mich dabei besonders irritiert: Die Freude am Lesen steht längst nicht mehr im Vordergrund. Stattdessen geht es darum, möglichst viel Content in kurze Videoschnipsel zu pressen – und dafür werden Click‑Trigger wie „Ich habe dieses Jahr schon 300 Bücher gelesen“ immer wieder ausgeschlachtet. Noch absurder wird es, wenn dieselben Creator:innen wenige Tage später plötzlich „300 Bücher unhaulen“, obwohl sie zwei Videos zuvor stolz einen gigantischen Haul mit gefühlt 500 neuen Titeln präsentiert haben. Dieses ständige Kaufen, Entsorgen, Nachkaufen wirkt wie ein Kreislauf, der nichts mehr mit echter Begeisterung für Literatur zu tun hat, sondern nur noch mit Reichweite, Geschwindigkeit und Aufmerksamkeit.

Das bedeutet nicht, dass auf BookTok alles schlecht ist. Es gibt durchaus gute Creator:innen, aber sie zu finden ist mühsam. Man muss lange mit passenden Posts interagieren, um den Algorithmus zu trainieren und irgendwann in einer Nische zu landen, die wirklich zu einem passt. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. Ich nutze lieber andere Portale, um mich über Bücher zu informieren – ruhiger, ehrlicher und ohne diesen ständigen Druck zur Selbstdarstellung.
Trotzdem hat mich diese Logik aus Tempo, Vergleichen und ständigen Lesezahlen eine Zeit lang selbst erfasst, ganz ohne dass ich es sofort bemerkt hätte.

Der Druck, mitzuhalten

Ich habe irgendwann begonnen, mein eigenes Lesen an Zahlen zu messen, als wären sie ein sinnvoller Maßstab. Wenn andere 50, 80 oder 100 Bücher im Jahr geschafft haben, fühlte ich mich mit meinen wenigen Titeln fast schon unzulänglich. 2025 habe ich dann selbst 100 Bücher gelesen – und statt stolz zu sein, hat mich diese Zahl eher unter Druck gesetzt. Ich habe gemerkt, dass ich nicht aus Begeisterung so viel gelesen habe, sondern weil ich dachte, ich müsste mithalten. Nach zehn Jahren Pause war ich ohnehin unsicher, was ich lesen wollte, und die Masse an Neuerscheinungen hat mich eher gelähmt als inspiriert. Gerade diese Unsicherheit hat mich empfänglicher für Trends gemacht, die mir eigentlich gar nicht entsprechen.

Vorsicht bei „BookTok made me buy it“

Vielleicht kommt daher auch meine wachsende Skepsis gegenüber Büchern, die mit großen „BookTok“-Stickern beworben werden oder mit dem Satz „BookTok made me buy it“ locken. Für mich ist das inzwischen eher ein Warnsignal als ein Qualitätsmerkmal. Zu oft steckt dahinter ein kurzfristiger Hype, der wenig mit dem tatsächlichen Inhalt zu tun hat. Und zu oft werden dabei dieselben – vor allem US‑Autorinnen – in Dauerschleife beworben, während alles andere untergeht.

Zurück zu den Verlagen

Um mich aus dieser Einseitigkeit zu lösen, schaue ich wieder viel häufiger direkt auf den Verlagsseiten nach Neuerscheinungen. Ich blättere durch Vorschaukataloge und lasse mich dort inspirieren. Dabei bin ich schon über einige Bücher gestolpert, die auf Social Media nie erwähnt wurden und die ich sonst komplett verpasst hätte. Gerade in diesem Jahr habe ich viele schöne Titel entdeckt – vor allem von deutschen Autor:innen –, die in den sozialen Medien kaum sichtbar sind. Diese Bücher haben mir gezeigt, wie viel ich verpasst hätte, wenn ich mich weiterhin nur auf Algorithmen verlassen hätte.

Der bewusste Ausstieg

Irgendwann war klar, dass ich diesen Kreislauf durchbrechen muss. Ich habe TikTok deinstalliert und meinen Feed ausgemistet. Ich folge nur noch ein paar UK‑Booktubern, deren Inhalte mich wirklich interessieren, weil ich sehr gerne englische Bücher lese und dort nach Neuerscheinungen und versteckten Schätzen stöbere. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie viel Zeit ich mit Doomscrolling verschwendet habe – dieses endlose, gedankenlose Weiterwischen, das sich anfühlt, als würde man etwas tun, obwohl man eigentlich nur Zeit verliert. Diese Stunden stecke ich inzwischen wieder ins aktive Lesen, und allein das hat mein Verhältnis zu Büchern spürbar verändert.

Ich habe mein Jahresziel heruntergeschraubt, lese wieder in meinem Tempo und habe kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich zwei Wochen brauche bis ein Buch durchgelesen ist. Es fühlt sich an, als hätte ich mir das Lesen zurückgeholt.

Was bleibt, wenn die Social Media Kanäle verstummen

Ohne Social Media im Nacken ist Lesen wieder das, was es für mich immer war: ein Eintauchen in magische Welten, ein persönlicher Raum, ein eigenes Tempo, ein Hobby ohne Vergleich und ein Ort, an dem Qualität wichtiger ist als Quantität. Ich merke, wie viel entspannter ich lese, seit ich mich nicht mehr so streng an Zahlen oder Trends orientiere, und wie viel mehr Freude ich an Büchern habe, die nicht überall auftauchen, sondern einfach zu mir passen.

Mich interessiert, wie du persönlich mit diesem ständigen Strom an Empfehlungen und Trends umgehst – lässt du dich davon treiben, oder hast du deinen eigenen Weg gefunden, Bücher zu entdecken? Nutzt du überhaupt Social Media wie BookTok, BookTube oder Bookstagram?

Eingebettete YouTube‑Videos können Daten an YouTube/Google übertragen. Details dazu stehen in meiner Datenschutzerklärung.

Video‑Copyright: Book Chats with Shelley & nessadhs. Text © Das Buch‑Café / Jennifer.

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