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Dienstag, 23. Juni 2026

[Rezension] Gudrun Lochte: Au revoir und tschüss

Buchcover

Autorin: Gudrun Lochte

Seiten: 320 Seiten

Format: Hardcover

Verlag: VANI Verlag

Erscheinungsdatum: 23.06.2026

ISBN: 978-3691690033

Sprache: Deutsch

Genre: Frauenliteratur / Gegenwartsliteratur

Bewertung: ⭐⭐⭐⯪☆

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Bildquelle / Cover: Goodreads / © VANI Verlag / © Coverdesign: Laura Newman
Klappentext: © Gudrun Lochte / VANI Verlag



Worum geht's?

Caro spürt, dass sie etwas ändern muss. Ihre Ehe ist erstarrt, der Alltag vorhersehbar und sie hat sich selbst aus den Augen verloren. Kurz entschlossen reist sie allein nach Südfrankreich und trifft damit eine Entscheidung, die alles ins Wanken bringt.

Zwischen warmem Licht, neuen Begegnungen und einer unerwarteten Verbindung beginnt für sie eine Reise zu sich selbst. Doch zwischen Sehnsucht, Schuld und dem Wunsch nach Veränderung steht sie vor der Frage, wie viel Mut es braucht, um wirklich glücklich zu sein.

„Aber wer dachte je an sie? An das, was Caro sich wünschte und brauchte? Um sie musste man sich nicht kümmern.“

Meine Meinung

Danke an den VANI Verlag für das Rezensionsexemplar über NetGalley!

Ich bin auf "Au revoir und tschüss" aufmerksam geworden, weil mir das Buch in einer Mail von NetGalley vorgeschlagen wurde. Der Klappentext klang vielversprechend, und da ich selbst Anfang 40 bin, fand ich es erfrischend, einmal eine Protagonistin in einem ähnlichen Alter zu begleiten. In meinen üblichen Genres – Romance und Fantasy – sind die Figuren meist deutlich jünger, weshalb Caro für mich schon allein deshalb eine interessante Abwechslung war.

Schon auf den ersten Seiten spürt man Caros Unzufriedenheit, die sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben zieht. Nach 21 Ehejahren steckt sie in Routinen fest, die sich über die Jahre unbemerkt verfestigt haben. Sie funktioniert, statt zu leben, und sucht verzweifelt nach einem Ausweg aus diesem Kreislauf. Mit einem kleinen, aber entscheidenden Schubs von ihrer besten Freundin Holly und der Frau des Vorgesetzten ihres Mannes fasst sie schließlich den Mut, ihren lang gehegten Traum einer Sprachreise nach Frankreich umzusetzen. Dieser Schritt markiert einen Moment, in dem man spürt, dass sich etwas in ihr zu lösen beginnt.

Caro ist eine Figur, in der sich viele Frauen wiederfinden könnten. Sie trägt die gesamte Familienorganisation, sorgt für ein gemütliches Zuhause, übernimmt Kindererziehung, Haushalt, Garten, Hund und richtet nebenbei noch spontane Abendessen für Holgers Vorgesetzte aus. Und all das ohne Anerkennung, ohne Dank, oft sogar ohne Respekt. Gleichzeitig muss ich sagen: Ein Teil dieser Last liegt auch an ihr selbst. Sie übernimmt alles, denkt für alle mit, plant, organisiert, fängt auf – und lässt damit zu, dass Mann und Söhne sich bequem zurücklehnen und aus der Verantwortung ziehen. Dieses Muster aus Mental Load und Maternal Gatekeeping zieht sich durch ihr ganzes Leben. Dass man unter solchen Umständen Frust aufbaut, ist nachvollziehbar, aber ich konnte nicht verstehen, warum sie das so viele Jahre schweigend hinnimmt. Für mich wirkte es irgendwann schlicht unrealistisch, dass sie erst nach 21 Jahren genug hat. Ihr Verhalten hat mich oft eher wütend gemacht als berührt.

Holger wiederum war für mich eine echte Geduldsprobe. Seine Gefühlskälte, sein Trotz, dieses kindische Anschweigen als Strafe – all das hat mich beim Lesen regelmäßig die Stirn runzeln lassen. Er erkennt Caros Bedürfnisse nicht einmal im Ansatz an und scheint in einer Zeitschleife festzustecken, in der die Kinder noch klein sind und Caro rund um die Uhr verfügbar sein muss. Dabei ist der Jüngste 18 und der Älteste Anfang 20. Diese Ignoranz hat mich fast genauso wütend gemacht wie Caros Passivität.

Zum Glück gibt es Figuren, die etwas Leichtigkeit in die Geschichte bringen. Ihre Freundin Holly, die Caro immer wieder wachrüttelt und ihr den Spiegel vorhält. Die Teilnehmer des Sprachkurses, die mit ihren unterschiedlichen Hintergründen frischen Wind in die Handlung bringen. Und die Händler in Frankreich, denen Caro begegnet und die der Geschichte ein warmes, lebendiges Flair verleihen.

Frankreich selbst ist für mich einer der stärksten Teile des Buches. Caro ist dort zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich für sich allein. Sie hat Raum, ihre eigenen Wünsche wahrzunehmen, Dinge auszuprobieren, die ihr guttun, und sich selbst wieder ein Stück näherzukommen. Umso mehr hat mich der One‑Night‑Stand mit dem Sprachlehrer Armand irritiert. Ich verstehe, dass sie sich nach Holgers Kälte wieder begehrt fühlen möchte, aber für mich hätte das Flirten völlig gereicht. Ich lese ungern Geschichten, in denen die Protagonistin ihren Partner betrügt, und ich finde es schade, wenn ein weiblicher Selbstfindungsprozess am Ende doch wieder über einen Mann definiert wird.

Sehr schön fand ich hingegen, wie Caro in Frankreich beginnt, über ihre Zukunft nachzudenken – und zum ersten Mal plant sie diese ohne ihren Mann und ihre Söhne. Diese Entwicklung vom ersten zaghaften Gedanken bis hin zu einem konkreten Projekt war für mich einer der stärksten emotionalen Punkte im Buch.

Das Ende kam mir dagegen zu abrupt. Die Aussprache mit Holger wird fast im Vorbeigehen abgehandelt, ohne dass man wirklich erfährt, wie die beiden miteinander reden oder ob Holger überhaupt reflektiert. Ein zusätzliches Kapitel vor dem Epilog hätte der Geschichte gutgetan und dem emotionalen Kern mehr Tiefe verliehen.

Der Schreibstil an sich ist angenehm flüssig, und die Ortsbeschreibungen haben mir wirklich gut gefallen. Ich habe die Angewohnheit, reale Schauplätze beim Lesen zu googeln, aber hier hatte ich schon klare Bilder im Kopf – und war überrascht, wie gut diese mit der Realität übereinstimmen. Ein netter Zusatz sind auch die beiden Rezepte am Ende des Buches. Die Kekse werde ich auf jeden Fall einmal nachbacken – die klangen einfach zu verlockend.

Fazit

Insgesamt war "Au revoir und tschüss" ein nettes, gut lesbares Buch, das mich an vielen Stellen emotional erreicht hat – wenn auch oft in Form von Wut über das Verhalten der Figuren. Aber auch Wut ist eine Empfindung, und in dieser Hinsicht hat mich die Geschichte definitiv abgeholt. Deshalb gibt es von mir 3.5 Sterne.

Wie hättest du an Caros Stelle reagiert – wärst du irgendwann explodiert oder hättest du ähnlich lange geschwiegen?

Mein Rating: ⭐⭐⭐⯪☆ (3.5/5)

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