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Mittwoch, 17. Juni 2026

[Gedankengänge] Schluss mit Elitismus: Niemand muss sich für seinen Büchergeschmack schämen

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Es gibt Tage, da würde ich am liebsten in meiner kleinen Zuhause-Blase verschwinden, mich mit einem Buch aufs Sofa verkrümeln und die Außenwelt einfach aussperren. Ich bin introvertiert, und im echten Leben möchte ich meistens nur eines: meine Ruhe. Aber das Leben mit Kindern hält sich selten an solche Wünsche. Also beiße ich regelmäßig in den sauren Apfel und wage mich hinaus zu Schul- und Kindergartenveranstaltungen, Elternfrühstücken, Sommerfesten, Schwimmkursen und all den anderen Terminen, die man als Elternteil eben so mitnimmt.

Meistens gehe ich am Ende des Tages heim und denke: „War doch gar nicht so schlimm.“ Viele Begegnungen sind nett, manche sogar richtig schön. Und dann gibt es diese seltene, aber dafür umso anstrengendere Spezies Mensch: die Bücher-Snobs.


Die Sache mit dem Small Talk

Kaum spricht man über Hobbys, landet man früher oder später beim Thema Lesen. Lange habe ich an dieser Stelle geschwiegen, weil es fast immer jemanden gibt, der sofort elitär wird. Da wird dann in alle Richtungen ausgeteilt:

  • Hörbücher: seien kein echtes Lesen.
  • Graphic Novels: seien Kinderkram.
  • Romance: sei kitschig.
  • Horror: nur etwas für gestörte Psychopathen.
  • Thriller & Dystopien: reine Angstmacherei.
  • Erotik: wer das liest, ist angeblich gleich pervers.

Im gleichen Atemzug erklären diese Menschen dann gerne, dass sie selbst ausschließlich Hochliteratur konsumieren, weil alles andere „Volksverdummung“ sei. Ich persönlich glaube ja, dass selbst die beste Hochliteratur da nicht mehr helfen kann… aber gut.


Warum degradieren manche Menschen den Geschmack anderer?

Ich verstehe es nicht. Wirklich nicht. Warum fällt es manchen so schwer, einfach anzuerkennen, dass andere Menschen andere Dinge mögen dürfen?

Lesen ist kein Wettbewerb. Es ist kein Intelligenztest. Es ist kein moralischer Maßstab. Menschen lesen aus unzähligen Gründen:

  • Zum Einschlafen: ein paar Seiten zum Runterkommen.
  • Zum Lernen: Wissen aufbauen, Horizonte erweitern.
  • Für den Wortschatz: Sprache lieben, Sprache üben.
  • Zum Stressabbau: Kopf aus, Buch auf.
  • Zur Entspannung: kleine Auszeit im Alltag.
  • Als Flucht: für ein paar Stunden jemand anders sein.
  • Für Schule, Studium, Beruf: Pflichtlektüre und Fachtexte.

Dazu kommen individuelle Vorlieben: Genre, Medium, Seitenzahl, Lesetempo, Konzentrationslevel, verfügbare Zeit. Manche lesen ein Buch im Monat, andere fünf pro Woche. Manche nur am Wochenende, andere jeden Abend. Lesen ist so vielfältig wie die Menschen, die lesen.


Ein Blick auf die sogenannte Hochliteratur

Hochliteratur wird oft so behandelt, als wäre sie ein exklusiver Club, zu dem nur wenige Zugang haben. Dabei ist sie viel breiter, als viele denken. Sie existiert in allen Genres: In der Fantasy etwa Der Herr der Ringe, in der Dystopie 1984, in historischen Romanen Die Säulen der Erde. Und vor allem: Was heute als schwere Kost gilt, war früher pure Popkultur.

Hier ein paar Beispiele, die das wunderbar zeigen:

Charles Dickens – Der König der Cliffhanger

Damals war Dickens nicht der ehrwürdige Klassiker, den wir heute aus dem Schulunterricht kennen. Er war ein echter Publikumsliebling, ein literarischer Serienproduzent, der seine Romane kapitelweise in günstigen Zeitungen veröffentlichte. Die Menschen fieberten jeder neuen Ausgabe entgegen.

Es gibt Berichte, dass Leser an den Häfen standen und auf Schiffe warteten, die die neueste Londoner Zeitung brachten — nur um zu erfahren, wie es mit der Geschichte weitergeht. Dickens wusste genau, wie man Spannung aufbaut, und endete fast jedes Kapitel mit einem Cliffhanger, der die Leute verrückt machte vor Neugier.

Heute gilt er als „schwere Kost“, als literarisches Monument, das man ehrfürchtig analysiert. Aber damals? Da war er das 19.-Jahrhundert-Äquivalent zu einer süchtig machenden Netflix-Serie.

Quellen: Literatur im Erdgeschoss
Charles Dickens: Die Veröffentlichungsformate seiner Erstausgaben
Zum 200. Jubiläum: Charles Dickens Erstausgaben

William Shakespeare – Unterhaltung fürs gröhlende Publikum

Wenn man heute an Shakespeare denkt, sieht man oft staubige Bücher, komplizierte Sprache und Theaterabende, bei denen man sich konzentrieren muss. Doch zu seiner Zeit war das Globe Theatre ein Ort voller Lärm, Leben und Chaos.

Die billigsten Plätze waren Stehplätze direkt vor der Bühne, und dort drängten sich Handwerker, Tagelöhner und Marktfrauen — oft mit Bier in der Hand. Wenn ihnen etwas nicht gefiel, wurde laut gepfiffen, gebuht oder sogar mit Obst geworfen. Shakespeare schrieb seine Stücke nicht nur für die feine Gesellschaft, sondern auch für dieses Publikum.

Deshalb finden sich in seinen Werken so viele derbe Witze, Prügelszenen, Wortspiele und dramatische Wendungen. Heute analysieren Schüler seine Texte Zeile für Zeile, aber damals war Shakespeare schlicht: Unterhaltung. Und zwar die Art von Unterhaltung, bei der man laut lacht, johlt und mitfiebert.

Quellen: AUDIENCES.
Shakespeares Globe-Theater

Arthur Conan Doyle – Sherlock Holmes und der erste große Fan-Shitstorm

Sherlock Holmes ist heute eine Ikone der Literatur, ein Symbol britischer Kultur. Doch als die Geschichten erstmals erschienen, waren sie vor allem eines: extrem erfolgreiche Massenunterhaltung. Doyle veröffentlichte sie in Magazinen, die Pendler und Arbeiter lasen — leichte, spannende Kost für zwischendurch.

Als Doyle Holmes sterben ließ, weil er die Figur satt hatte, brach ein Sturm los, wie man ihn heute aus Social Media kennt. Über 20.000 Menschen kündigten ihr Zeitschriftenabo aus Protest. Zeitungen berichteten von Londonern, die mit Trauerflor durch die Straßen liefen. Doyle erhielt wütende Briefe, manche sogar mit Drohungen.

Der Druck war so groß, dass er Holmes Jahre später wieder auferstehen ließ. Heute gilt Holmes als literarisches Meisterwerk — damals war er der Held einer Art viktorianischer „Bahnhofskrimi“-Soap.

Quellen: Berühmtester Brite, der nie lebte: Sherlock Holmes ist 130 Jahre „tot“
Thank God, I’ve killed the brute! – Wenn Autoren hassen, was Leser lieben
Sherlock Holmes

Johann Wolfgang von Goethe – Der Erfinder des Hypes

Goethe ist heute der Inbegriff deutscher Hochkultur. Doch als Die Leiden des jungen Werthers erschien, löste das einen Hype aus, der modernen Fandoms in nichts nachsteht. Junge Männer kleideten sich wie Werther, mit blauem Frack und gelber Weste.

Es gab Werther-Tassen, Werther-Parfüm, Werther-Figuren — echtes Merchandising im 18. Jahrhundert. Das Buch wurde verschlungen, diskutiert, geliebt, gehasst. Manche Städte verboten es sogar, weil es angeblich zu viele junge Menschen beeinflusste.

Heute zittern Schüler vor Klausuren über Sturm und Drang, aber damals war Goethe ein Popstar.

Quelle: Der Einfluss von Goethes Werther auf seine Zeitgenossen

Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll: Was heute als „hohe Kunst“ im Regal verstaubt, war früher das, was heute Blockbuster, Bestseller oder virale Trends sind. Literatur verändert sich, und unser Blick darauf auch.


Leben und leben lassen – auch beim Lesen

Am Ende läuft alles auf eine einfache Haltung hinaus: Leben und leben lassen.

Nicht jeder möchte in seiner Freizeit wissenschaftliche Abhandlungen lesen. Nicht jeder braucht leichte Kost. Nicht jeder hat dieselbe Zeit, dieselbe Konzentration oder dieselben Bedürfnisse.

Wenn wir aufhören würden, andere für ihren Geschmack zu verurteilen, könnten wir alle entspannter durchs Leben gehen — und unsere Energie in etwas Sinnvolleres stecken: ins Lesen selbst.


Abschlussworte

Inzwischen gehen mir solche Personen nicht mehr so unter die Haut. Ich kann ehrlich sagen, was ich gerne lese, und wenn mir jemand elitär oder herablassend kommt, beende ich das Gespräch einfach und entferne mich. Mein Frieden ist mir wichtiger als irgendein aufgeblasener Literaturanspruch.

Und jetzt interessiert mich eure Erfahrung:
Seid ihr auch schon solchen Buch-Snobs begegnet? Wie seid ihr mit der Situation umgegangen?

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