Mit beiden Händen den Himmel stützen
Autorin: Lilli Tollkien
Seiten: 255 Seiten
Format: Hardcover
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsdatum: 14.03.2026
ISBN: 978-3351042844
Sprache: Deutsch
Genre: Autofiktion / Sozialdrama / Zeitgenössische Literatur / Coming-of-Age
Bewertung:
Bildquelle / Cover:
Goodreads / © Aufbau Verlag
/ © Coverdesign: Designbüro Lübbeke Naumann Thoben GbR unter Verwendung eines Motivs von © Studio Xenia Hausner
Klappentext: © Lilli Tollkien / Aufbau Verlag
Worum geht's?
Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird.
Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.
„Tatsächlich hatte ich nichts gemein mit den starken Mädchen aus meinen Büchern, weder mit der roten Zora noch mit Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Ich hatte Mühe mit meinem unbeständigen Leben.“
Meine Meinung
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, aber man spürt sofort, wie nah die Handlung an der Realität der Autorin liegt. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, um dieser Art von Erinnerungsarbeit gerecht zu werden, und das hat meinen Zugang zum Buch verändert.
Der Roman spricht sehr ernste Themen an: Alkoholsucht, Drogenkonsum, Vernachlässigung, verbale, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Beim Lesen geht man durch viele Emotionen. Man ist betroffen, wütend, traurig, manchmal abgestoßen, und gleichzeitig fühlt man Lales Angst, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlorenheit und ihre Suche nach Halt. Es gibt Momente, in denen man das Buch einfach zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten.
Einige Dinge konnte ich sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst mit einem alkoholsüchtigen Elternteil aufgewachsen bin. Die morgendlichen Gerüche nach kaltem Rauch und Bier, die Treffen am Kiosk, die übergriffigen „netten“ Erwachsenen, die einen auf den Schoß ziehen wollen – das alles hat mich direkt in meine eigene Kindheit zurückgeworfen. Solche Erfahrungen verändern Kinder nachhaltig, und das zeigt der Roman sehr deutlich.
Gleichzeitig hat das Buch viele nostalgische Momente, die mich als 80er-Jahre-Kind sofort abgeholt haben. Klebrige Schlümpfe, Wassereis, bunte Polyester-Jogginganzüge, Sticker, Kaufhäuser, in denen man alles bekommen hat – das hat schöne Erinnerungen ausgelöst, die neben den schweren Themen stehen, ohne sie zu relativieren.
Am Anfang wirkte der Text auf mich etwas wirr. Als ich dann noch einmal von vorne begonnen und mir mehr Zeit genommen habe, ergab die Erzählweise plötzlich Sinn. Erinnerungen verlaufen nicht linear, sie springen, sie verschieben sich, und genau so erzählt Tollkien. Lale spricht durchgehend aus ihrer Sicht, zwischendurch tauchen Dialoge anderer Personen aus ihrem Umfeld auf. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen.
Was einen immer wieder beschäftigt, ist die Frage, warum niemand Lale geschützt hat. Warum das Jugendamt Besuche ankündigt. Warum Erwachsene wegsehen, obwohl das Elend offensichtlich ist. Diese Fragen bleiben hängen und machen das Buch so herausfordernd.
Auch das Cover mit dem Bild der Künstlerin Xenia Hausner möchte ich hervorheben. Ich finde es sehr schön – die Farben und der Stil passen unglaublich gut zur Stimmung des Buches. Auf Instagram gibt es ein Foto der Autorin, auf dem sie sich das Cover teilweise vors Gesicht hält, und es ist faszinierend, wie perfekt das Design in seiner Gesamtheit harmoniert. Das Bild ist hier zu finden (ihr werdet auf Instagram weitergeleitet).
Fazit
Ein intensiver, poetischer und emotional fordernder Roman, der zeigt, wie ein Kind versucht, in einer instabilen Umgebung Halt zu finden. Für mich sind es 5 Sterne, weil die Autorin ihre Erinnerungen in eine Form bringt, die ehrlich wirkt und lange nachklingt.
Wenn ihr an Geschichten interessiert seid, die persönliche Erinnerungen mit gesellschaftlichen Themen verbinden: Würde euch ein Roman wie dieser neugierig machen, oder schrecken euch solche schweren Inhalte eher ab?
(*)Hinweis: Der Link ist ein Amazon‑Affiliate‑Link. Wenn du darüber kaufst, unterstützt du Das Buch‑Café – für dich bleibt der Preis gleich.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Schön, dass ihr lieben Leser es bis hierher zu den Kommentaren geschafft habt!! ♥
Es wäre sehr lieb von euch, wenn ihr jetzt aber nicht einfach geht, sondern mir eure Meinung in einem kleinen Kommentar mitteilt!! ♥
♥♥Vielen Dank!!♥♥
Mit dem Absenden eines Kommentars erklärst du dich damit einverstanden, dass die von dir eingegebenen Daten
(Name, Kommentartext und ggf. Profilinformationen) gespeichert und verarbeitet werden.
Diese Daten werden ausschließlich zur Darstellung und Verwaltung der Kommentare genutzt.
Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.